Der letzte Diktator: Uraufführung in Marburg

Stell dir vor du lebst in Schönesien und dein Land geht den Bach runter. Mit der Wirtschaft geht es bergab, Arbeitsplätze sind rar, und keiner tut etwas dagegen. Im Gegenteil, die Verantwortlichen machen weiter wie bisher und denken nicht daran, ihre Posten zu räumen. Und wenn du etwas dagegen tun willst läufst du Gefahr, ins Gefängnis zu gehen oder gar gefoltert zu werden.

Das war nicht immer so. Euer Land war zwar noch nie reich, aber es reichte stets um über die Runden zu kommen. Das änderte sich vor ein paar Jahren, als der zwielichtige Korruptanz Schmierbär gegen die Regierung putschte und allen ein besseres Leben versprach. Die anfängliche Euphorie wich schnell der bitteren Wahrheit: Schmierbär machte das Land nur noch ärmer, nichts funktionierte mehr. Steuergelder wurden in dubiosen Geschäften und pompösen Staatsempfängen verbraten, und während man immer mehr Arme auf der Straße betteln sah, konnte man die Reichen beim Protzen beobachten. Jetzt gibt es auch keine persönlichen Freiheiten mehr. Abends gilt eine Ausgangssperre, die Pressefreiheit wurde längst abgeschafft und die politische Opposition wird terrorisiert.

Das Szenario

Horrorszenario? Für fast ein Viertel der Nationen dieser Welt ist ein solches Szenario alltäglicher Wahnsinn. Und ebenso viele haben sich in den letzten Jahrzehnten aus den Klauen ihrer Gewaltherrscher befreit, einige mit Gewalt, andere friedlich, alle aber mit hohen Verlusten. Wenige hatten dabei nachhaltigen Erfolg, oftmals wechselte der eine Diktator den anderen nur ab. Es gibt also keinen Königsweg um einen Diktator loszuwerden.

In unserem Land Schönesien beginnt es auch langsam zu brodeln. Verbotene Demonstrationen und illegale Flugblätter lassen den Untergang des Diktators erahnen. Akteure aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen haben sich zusammengetan um mit vereinter Kraft gegen das Regime zuzuschlagen. Sie treffen sich einmal pro Woche an einem sicheren Ort, um Aktionen gegen den Diktator zu planen. Bevor jedoch die Verhandlungen starten können, ist einiges an Organisation notwendig. Zuerst müssen die Gruppen eingeteilt werden und zueinander finden. Den Raum haben wir natürlich zuvor vorbereitet. In der Mitte steht ein Stuhlkreis für die offenen Verhandlungen, am Rand des Klassenzimmers haben wir die Schulbänke so angeordnet, dass die Gruppen intern beraten können. Darauf liegen die Rollenkarten mit einem kurzen Briefing wer sie sind und welche Position sie zu vertreten haben.

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Schönesien hat sich in diesem Moment in ein Klassenzimmer der Klasse 11 der Waldorfschule Marburg verwandelt. Wir, EN-PAZ, führen hier unser Planspiel „Der letzte Diktator“ durch. Das Ziel des Planspiels: Den Diktator stürzen. Dies geschieht durch gemeinsame Aktionen – je mehr Gruppen sich daran beteiligen desto höher die Aussicht auf Erfolg. Die Gruppen müssen sich zuerst intern beraten und sich auf eine von vier vorgegebenen Aktionen verständigen. Diese müssen Sie im Plenum vortragen und dafür werben. Am Ende stimmen alle Gruppen ab.

Bevor das Planspiel beginnen konnte hielt unsere Praktikantin Anna einen Vortrag über ihre Zeit in Ägypten. Sie war dort während der Aufstände, hat die Vertreibung Mursis und die Machtübernahme der Armee hautnah miterlebt. Außerdem ist ihr dort das sexistische Verhalten vieler ägyptischer Jugendlicher aufgefallen, das im Tumult der Aufstände nochmals zunahm. Mit ihrer Freundin Fanni gründete Anna die Organisation Fannanya, die mit Straßentheater und –Musik ein Ventil für die Straßengewalt war. Mit den Theaterstücken wollten sie auf die Rolle der Frau aufmerksam machen, etwa indem sie Geschlechter in einem interaktiven Theaterstück zwangen, Perspektiven zu tauschen. Nach dem Vortrag, der auch in die Thematik des Planspiels einleiten sollte, konnte es losgehen.

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Lasst die Spiele beginnen

Nach kurzer Ansprache und anfänglichem Zögern waren die Verhandlungen auch schon in vollem Gange. Während es der „Jugendinitiative“ leicht viel, in ihre Rollen zu schlüpfen hatten die „Wirtschaftsvertreter“ noch einige Probleme, sich mit ihrem neuen Selbst zu identifizieren. Dort gab es beispielsweise L. Malzau, den Leiter eines Bergwerks, oder K. Turaw, einen Bänker. Mit anderen Vertretern aus der Wirtschaft mussten sie sich zwischen Aktionen wie einem künstlich erzeugten Stromausfall oder einer regierungskritischen Radiosendung entscheiden. Andere Gruppierungen wie die „Bürgeraktivisten“ konnten Streiks oder Demonstrationen organisieren, während der „Bewaffnete Widerstand“ auf Waffenschmuggel, Geiselnahmen oder Attentate setzte.

Nachdem sich die Gruppen intern geeinigt hatten, ging es ins große Plenum. Jede Gruppe stellte sich vor und präsentierte ihre Aktion gegen den Diktator und sammelte Unterstützung. Am Ende der ersten Beratungsrunde hatten sich zwei Gruppierungen mit ihren Aktionen als konsensfähig erwiesen: Die „Ausländische Opposition“ konnte mit ihrer Aktion „Ausländische Presse“, bei der versucht wird, mit internationaler Presse Druck auf das Regime zu erzeugen, ebenso viele Unterstützer hinter sich versammeln wie der „Bewaffnete Widerstand“ mit der Aktion „Waffenschmuggel“, um noch härter gegen den Diktator zuschlagen zu können. In einer Stichwahl setzte sich der Waffenschmuggel durch. Die Aktion schlug fehl. da nur knapp über die Hälfte der Stimmberechtigen für den Waffenschmuggel stimmte. Das wurde per Würfelwurf und einem ausgeklügelten Wahrscheinlichkeitszuweisungsalgorithmus entschieden. Die Auswirkungen für die nächste Runde waren eine noch geringere Erfolgsaussicht für alle bewaffneten Aktionen.

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Enttäuscht von der Niederlage waren die nächsten Aktionen, die dem Plenum vorgeschlagen wurden, weitaus moderater. In der nächsten Runde setzte sich die Aktion „Hackerangriff“ mit fast 100% Unterstützung durch. Diese Aktion gelang, durch die so entstehenden Störungen an den Regierungsrechnern hatte die nächste Aktion eine höhere Erfolgsaussicht.

Auch Schüler sind mit friedensbildenden Inhalten zu beeindrucken

Während der Verhandlungen wurde deutlich, warum Planspiele ein so gutes Mittel sind um eine Realität zu simulieren, die den Teilnehmer hautnah an die Problematik zivilgesellschaftlichen Engagement in totalitären Regimen erfahren lässt. Nach der gescheiterten Aktion wurde den Teilnehmern schnell klar, dass eine breite gesellschaftliche Unterstützung ihrer Aktionen Voraussetzung für den Erfolg dieser und damit gesellschaftlichen Wandels ist. Dementsprechend konsensorientiert wurden auch ihre weiteren Vorschläge und die Diskussionskultur. Aus einem „…seh doch mal endlich ein dass unsere Aktion besser ist…“ hat sich Überzeugungsarbeit wie „…wenn wir die Bürgeraktivisten noch ins Boot holen können ist es für uns denkbar, eurem Vorschlag zuzustimmen…“ entwickelt. Die Teilnehmer fingen an, sich in die Lage der anderen hineinzuversetzen, deren Perspektive zu übernehmen und gleichzeitig die eigene Perspektive zu hinterfragen.

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Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass die Schüler der 11. Klasse das Planspiel mit großer Freude spielten. Vor allem bei der Diskussion im Plenum wurden die einzelnen Rollen sehr überzeugend umgesetzt und der jeweilige Standpunkt vehement verteidigt. Je länger die Verhandlungen dauerten, desto emotionaler wurde argumentiert. Diesen Eindruck bestätigte die von uns direkt im Anschluss durchgeführte Evaluation, die wir in zwei Blöcken durchführten. Als erstes machten wir eine Blitzlichtrunde direkt im Anschluss an das Planspiel. Dort sollten uns die Teilnehmer direktes Feedback ihrer Eindrücke geben. Die meisten äußerten sich positiv. Das Feedback reichte von „intensive Erfahrung“ bis „jetzt kann ich solche Prozesse im Grunde nachvollziehen“. Die zweite Evaluationsrunde bestand aus einen detaillierten Fragebogen. Dort hatten die Schüler Raum, anonym  Lob oder Kritik abzugeben. Auch hier fiel die Resonanz sehr positiv aus. Das Lob richtete sich vor allem an die realistische Erfahrung, an einem komplizierten Entscheidungsprozess teilzunehmen. Kritik richtete sich gegen die fehlende Auswahlmöglichkeit verschiedener Akteure (die Schüler wurden von uns eingeteilt) und den schnellen Spieleinstieg, durch den die Schüler „ins kalte Wasser geworfen“ wurden.

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Für uns war das eine sehr lohnenswerte Reise mit vielen erinnerungswürdigen Momenten. Die nächsten Termine für unser „Energie und Frieden“ Planspiel, das ebenfalls ur-aufgeführt wird, stehen bereits fest.