Energiewende mit Afrika: Wochenendseminar vom 15. – 17. November in Bielefeld

Wenn hierzulande von Energiewende die Rede ist, geht es um den geplanten Atomausstieg und die Umgestaltung der Energieinfrastruktur hin zu konsequenter Nachhaltigkeit. Wenn man über Energieversorgung in Afrika spricht, ist eine nachhaltige Energiewende eher sekundär. Hier hat die Bekämpfung der Energiearmut, die sich über weite Teile des Kontinents erstreckt, Vorrang. Isoliert betrachtet werfen beide Themen aktuell mehr Fragen als Antworten auf. Die Energiewende in Deutschland und Afrikas Energiesicherheit sind zwei Baustellen, die noch in der Anfangsphase sind. Gegenwärtig unabhängig voneinander – zum Leidwesen beider Großprojekte.

Dabei haben beide Projekte zentrale gemeinsame Anknüpfungspunkte. Mit einer erfolgreichen Energiewende muss Deutschland demonstrieren, dass low-carbon development nicht zwangsweise mit low development gleichzusetzen ist. Um den Klimawandel unter der kritischen 2°C-Marke zu halten, kann sich die Welt kein mit Kohle und Atomenergie entwickeltes Afrika leisten. Andererseits eignet sich die dezentrale Struktur der Erneuerbaren Energien besonders, um die Probleme Afrikas zu lösen. Durch ihre friedensfördernde Wirkung und das enorme Potential, ausreichend Energie zur Verfügung zu stellen (Sonne in der Sahara, Wind an der Westküste …), sind Erneuerbare Energien nicht nur die kurzfristige Lösung der Probleme Afrikas und Deutschlands, sondern die langfristige Rettung unseres Planeten.

Am Wochenende des 15. bis 17. November fand dazu in Bielefeld das Wochenendseminar „Energiewende mit Afrika“ der STUBE Westfalen statt. Unter dem Motto „Energiewende bei uns, Zugang zu bezahlbarer und erneuerbarer Energie in Afrika. Was können wir voneinander lernen?“ diskutierten und erarbeiteten internationale afrikanische Studenten Herangehensweisen zur Lösung der Energieversorgung. Als Referent war Stefan Rostock von GermanWatch geladen. Die Leitung hatten die beiden Studierendenpfarrer Markus Sorg der ESG Bochum und Matthias Surall der ESG Paderborn. Das Seminar hatte zwei Ziele. Einmal sollte für den Klimawandel und die Rolle der Erneuerbaren Energien sensibilisiert werden. Anschließend wurden in der Planung oder im Bau befindliche Energieinfrastrukturprojekte vorgestellt und über ihr Potential, die Probleme Afrikas und Deutschlands zu lösen, diskutiert. Da hier sowohl entwicklungspolitische Bildungsarbeit stattfand und die friedensstiftende Bedeutung erneuerbarer Energien in Afrika betont wurde, hatte dieses Seminar eine doppelte inhaltliche Relevanz für die Stiftung Friedensbildung und EN-PAZ.

Teilnehmer beim Diskutieren
Teilnehmer beim Diskutieren

Am Freitagabend trafen wir uns mit den Teilnehmenden und der Veranstaltungsleitung im Bielefelder Zentrum für Mission und Diakonie im beschaulichen Stadtteil Bethel zum gemeinsamen Abendessen und Kennenlernen. Die Studenten (insgesamt 20) kamen überwiegend aus Kamerun, aber auch Ghana, Togo und der Iran waren vertreten. Da sie fast alle einen naturwissenschaftlichen Studiengang belegten, betrug der Frauenanteil nur ein knappes Viertel. Wir stiegen ein mit einem Brainstorming über Begriffe wie „Nachhaltigkeit“, „Entwicklung“ und „Energiewende“ und fanden heraus, dass sich das Verständnis dieser Begriffe bei den AfrikanerInnen teilweise deutlich von unserem unterscheidet. Während der Fokus der deutschen Teilnehmer eher auf dem qualitativen Aspekt dieser Begriffe lag, machten sich die afrikanischen Studenten Sorgen um die quantitative Dimension. Sie fanden, dass in Afrika zu allererst eine Energieversorgung garantiert werden muss, bevor über die Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit nachgedacht werden kann.

Stefan Rostock von Germanwatch diskutiert mit Achille aus Kamerun über die Energiewende
Stefan Rostock von Germanwatch diskutiert mit Achille aus Kamerun über die Energiewende

Am nächsten Morgen griff Stefan Rostock, Leiter der Abteilung „Bildung und nachhaltige Entwicklung“ von Germanwatch, diesen Disput des letzten Abends auf und bereitete die Seminarteilnehmer in einem starken und informativen Vortrag auf die darauffolgende Gruppenarbeit vor. Dabei verdeutlichte er die Ursachen des Klimawandels, zeigte Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Konflikten, Nahrungsmittel- und Energiepreisen auf und machte klar, dass die Verursacher des Klimawandels, die reichen Industrienationen der Nordhemisphäre, weit weniger davon betroffen sein werden als die ärmeren Schwellen- und Entwicklungsländer. Ein wichtiger Punkt waren die Zusammenhänge zwischen Klimawandel, Nahrungssicherheit, Energieversorgung und globaler Sicherheit. Nur wer alle Akteure berücksichtigt und nachhaltige Konzepte für diese Bereiche entwickelt, wird ein insgesamt nachhaltiges Konzept aufstellen. Dann zeigte Stefan Rostock anhand der deutschen Energiewende, was technologisch möglich ist und wie weit selbst Deutschland hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Eindrucksvoll waren hier vor allem die geplanten Großprojekte wie SuperSmartGrid (Plan-Studie aus einem diversifizierten, regenerativen Energiemix für die MENA-Region und Europa) oder Desertec (Wüstenstrom aus der Sahara), die sich nichts anderes auf die Fahne geschrieben haben als die Lösung der globalen Energieversorgungsprobleme. So sparen beispielsweise die drei spanischen Andasol Kraftwerke, die technisch identisch mit denen des Desertec-Projekts sind, alleine 450.000 Tonnen CO2 pro Jahr. Auch bei diesen Projekten stand die internationale Kooperation und die Integration verschiedener Problembereiche wie Sicherheit und Klimawandel im Vordergrund. Anschließend verdeutlichte er noch einmal, wie wichtig zivilgesellschaftliches Engagement ist und mit welchen Mitteln Wirtschaft und Politik versuchen, sich den Klimawandel schönzureden.

Die Planspiel-Gruppe
Die Planspiel-Gruppe

Anschließend bildeten die Teilnehmenden drei Gruppen. Die erste Gruppe bereitete ein politisches Planspiel vor, bei dem es um die Vorstandssitzung eines großen Energieversorgungskonzerns ging. Das sollte den schwierigen Prozess verdeutlichen und die Energiewende aus der Perspektive einer kommerziellen Konzerns erweitern. Hier wiesen die Rollenspieler darauf hin, wie verführerisch eine Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken für Energieversorger ist.

 

Die zweite Gruppe diskutierte die Vorwürfe des Neo-Kolonialsimus an das Desertec-Projekt, bei dem es sich lautKritikern um ein Projekt von Europäern für Europäer auf afrikanischem Boden handelt. Statistiken wie die geringe Beschäftigung afrikanischer Ingenieure, die Nicht-Einbindung kleinerer Bevölkerungsgruppen und welche konkreten Schritte für eine vollständige Nachhaltigkeit

Das Desertec-Konzept
Das Desertec-Konzept
Die Desertec Präsentation
Die Desertec Präsentation

unternommen werden müssten, wurden hier diskutiert und anschließend der Gruppe präsentiert. Kontrovers wurde es, als ein Teilnehmer meinte, deutsche Ingenieure seien nun mal besser als afrikanische und das müsse man zur Kenntnis nehmen.Das Kontra aus der Gruppe war sehr emotional und vehement.

 

Diskussionsrunde zum eigenen ökologischen Fußabdruck
Diskussionsrunde zum eigenen ökologischen Fußabdruck

Die letzte Gruppe beschäftigte sich mit dem eigenen ökologischen Fußabdruck. Sie recherchierten unser tägliches gewohntes Leben in Kilogramm CO2 und präsentierten das ernüchternde Ergebnis. Anschließend nahmen sie zur Praktikabilität einzelner radikaler und weniger radikaler Schritte zur Vermeidung von CO2 in unserem Alltag Stellung. Ein Student aus Dortmund stellte beispielsweise fest, dass Afrikaner überdurchschnittlich lange telefonieren und überdurchschnittlich oft die Haare schneiden, was sich negativ auf den „afrikanischen“ Pro-Kopf-CO2 Ausstoß auswirke.

Dieses Seminar machte mehrere Punkte deutlich:

  • Im Bereich der entwicklungspolitischen Bildung gibt es noch einigen Aufholbedarf. Hier spielt die persönlichen Herkunft und das soziale Umfeld eine große Rolle. Armut und Korruption verhindern die Etablierung eines gesellschaftlichen Nachhaltigkeitsdiskurses und unterbinden zivilgesellschaftliches Engagement.
  • Inhaltlich zeigte der Vortrag von Stefan Rostock deutlich, wo das Problem der Etablierung erneuerbarer Energien liegt, wie es zu bekämpfen ist und wer welche Rolle dabei spielt. Die zentrale Aussage, dass Nachhaltigkeit mehrdimensional gedacht und umgesetzt werden muss, regte alle Teilnehmer zum Nachdenken an.
  • Die Erkenntnis aus diesem Seminar ist, dass erst bei der Integration verschiedener Themenbereiche und deren Nachhaltiger Umstrukturierung eine win-win Situation sowohl für die heimische Energiewende als auch für die afrikanische Energieversorgungssicherheit entsteht. Diese nachhaltige Umstrukturierung belohnt dann nicht nur mit Wohlstand, sondern sichert langfristig den Frieden und hilft uns, den Klimawandel zu stoppen.

 

Angenehme Arbeitsatmosphäre in Bielefeld
Angenehme Arbeitsatmosphäre in Bielefeld