FRIEDENSDIVIDENDE „ERNEUERBARE ENERGIEN“

Die Folgen der Energieversorgung mit fossilen Brennstoffen haben sich zu einem globalen Problem entwickelt, das unser Klima schädigt und zu Abhängigkeiten führt. Der drohende Klimawandel birgt dabei nicht nur die Gefahr einer dauerhaften Erwärmung der Erdatmosphäre. Die damit einhergehende Veränderung der Umwelt wie der steigende Meeresspiegel oder eine möglich werdende Bewirtschaftung der Arktis kann zusätzlich zu Nutzungskonflikten um Land und Ressourcen führen. Das stellt eine Herausforderung für die menschliche Sicherheit dar. Die Tatsache, dass fossile Energiequellen wie Öl oder Gas immer teurer werden und nur in bestimmten Regionen der Erde verfügbar sind, führt außerdem zu Verteilungskonflikten um diese Energieträger. Das können beispielsweise zwischenstaatliche Konflikte um die Aneignung von Energiequellen sein. Eine direkte Folge der Verteilungskonflikte ist Energiearmut, die in vielen Regionen der Erde stark ausgeprägt ist und ihren Beitrag zu entstehenden Ressourcenkonflikten leistet.

License Some rights reserved by Solar Electric Light Fund (SELF)
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Die Umstellung der globalen Energieversorgung auf erneuerbare Energien kann dabei helfen, diese Probleme zu lösen oder zumindest zu entschärfen. Neben einem ökologischen, einem sozialen und einem ökonomischen Mehrwert können erneuerbare Energien auch eine friedensstiftende Wirkung entfalten. Dazu trägt einerseits ihre Eigenschaft als regenerative, also erneuerbare Energiequelle bei, und andererseits die Möglichkeit, das Energienetz der erneuerbaren Energien zu dezentralisieren und seinen Energiemix zu diversifizieren:

Die regenerative Eigenschaft erneuerbarer Energien kann Verteilungskonflikten um teures Öl oder Gas die Brisanz nehmen. Dadurch, dass Energiequellen wie Wind oder Sonne theoretisch unendlich verfügbar sind, lohnt sich ein Konflikt um fossile Energieträger nicht mehr. Dies setzt jedoch eine nötige Infrastruktur aus Wind- oder Solarkraftwerken und den passenden Stromnetzen voraus.
Um weiter friedensstiftende Wirkung zu entfalten müsste diese Infrastruktur organisiert sein. Eine zentrale Organisation der Energieversorgung hat im Störungsfall den entscheidenden Nachteil, dass das gesamte zu versorgende Gebiet ohne Energie ist. Gerade in ärmeren Ländern in denen es oft zu Ausfällen oder (im Fall eines schwelenden Konflikts) zu Sabotagen kommt, bedeutet eine dezentrale Lösung Stabilität. Das Risiko einer ausfallenden Energieversorgung wird gestreut. Somit trägt eine dezentrale Energieversorgung zur Energiesicherheit bei und bekämpft gleichzeitig die Energiearmut. Da die Versorgung auf diese Weise in mehreren Händen liegt wird außerdem die Möglichkeit eines Missbrauchs der Energieversorgung erschwert, was zusätzliche Autonomie und damit den Abbau von Abhängigkeiten bedeutet. Das verhindert die Bildung eines Energiemonopols. Da in manchen Ländern eine große Anzahl von Personen zusätzlich die Möglichkeit hat, eigene Energieanlagen zu installieren und selber daraus Rendite zu erzielen, führt das zu mehr sozialer Gerechtigkeit (Streuung des Eigentums).
Das Argument für die Diversifizierung der Energieversorgung ist dem der Dezentralisierung ähnlich. Auch hier findet ein Beitrag für die Energieversorgungssicherheit statt. Statt nur auf einen einzigen erneuerbaren Energieträger zu setzen ist es klüger, das Risiko des Ausfalls eines Energieträgers (Wolken am Himmel, Windflaute , …) zu teilen. Ein weiteres Argument betrifft die bessere Umweltverträglichkeit einer diversifizierten Energieversorgung.

Ein erneuerbarer diversifizierter Energiemix, der dezentral organisiert ist, stellt daher Energieversorgungssicherheit her und reduziert Abhängigkeiten von Energieversorgern auf der einen und von einem bestimmten Energieträger auf der anderen Seite. Das friedensstiftende Potential der erneuerbaren Energien offenbart sich in der Bekämpfung der Energiearmut als Katalysator von Ressourcenkonflikten, der Überwindung von Verteilungskonflikten als Folge der immer knapper werdenden fossilen Energieträgern und der Minderung von Nutzungskonflikten, da erneuerbare Energien den Klimawandel verlangsamen können.

“Desertec” – Trans-Mediterranean Renewalbe Energy Cooperation (TREC)

Um konkrete friedensstiftende Wirkungen von erneuerbaren Energien anhand von Beispielen zu benennen ist es noch zu früh. Das globale Energieversorgungssystem ist weder regenerativ noch dezentral noch diversifiziert. Es gibt bereits Erfahrungen über die friedensstiftende Wirkung grenzüberschreitender Wasserkooperation, die auf den Energiesektor übertragen werden kann. Außerdem gibt es eine Reihe von Bemühungen, die globale Energieversorgung für friedensstiftende Zwecke einzusetzen. Beispielsweise wäre hier das Netzwerk „Trans-Mediterranean Renewalbe Energy Cooperation“ (TREC) zu nennen, das mit seinem ambitionierten DESERTEC Projekt im Jahr 2050 bis zu 15% des gesamteuropäischen Energiebedarfs mit Wüstenstrom aus der MENA Region decken will.

“Local Power for Peace” – IPPNW

Die Friedensorganisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.“ (IPPNW) fordert in ihrer Kampagne „Local Power for Peace“ „100% dezentrale erneuerbare Energie“ als „Gebot der Friedenspolitik“. Durch regionale Energieautonomie, so die Argumentation, gibt es keinen Grund mehr, „Soldaten in andere Länder zu schicken, um dort den Zugriff auf Öl, Gas, Kohle oder Uran mit militärischer Gewalt zu erzwingen. … Dann müssen auch keine Öltanker mit Kriegsschiffen verteidigt und keine Gas-Pipelines mit Kampfflugzeugen gesichert werden“.

“Aktionsplan Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung”

Die entscheidende Frage hierbei ist, wie man den Ausbau der erneuerbaren Energien politisch begleiten kann. Einen politischen Ansatzpunkt bildet beispielsweise der am 12. Mai 2004 verabschiedete „Aktionsplan Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung“. Ein zentraler Punkt dieses Aktionsplans ist die nachhaltige Entwicklung und der Zugang zu natürlichen Ressourcen. Die Aktionen 129 und 130 des Aktionsplans enthalten sogar explizite Bezüge zur friedensstiftenden Rolle erneuerbarer Energien. Um dies zu konkretisieren könnte ein „Nationaler Aktionsplan Energiesicherheit“ oder ein „Nationaler Energiesicherheitsberater“ angestrebt werden. International bildet die EnvDec-Initiative einen passenden Anknüpfungspunkt, um die friedenspolitische Rolle erneuerbarer Energien in den Fokus internationaler Politik zu rücken. Diese 2003 aus dem Umwelt- und Entwicklungsprogramm der UN und der OSZE gegründete Initiative bemüht sich um die Verbesserung der Zusammenhänge von Umwelt und Sicherheit in den Regionen Südkaukasus, Südosteuropa und Zentralasien. Vor kurzem haben sich die NATO, die UNECE (Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen) und das REC (Regionales Umweltzentrum für Zentral- und Osteuropa) der Initiative angeschlossen. Auch der G8-Prozess befasste sich bislang (Juli 2005) mit den erneuerbaren Energien und deren Rolle bei der Bekämpfung von (Energie)Armut.

Eine globale Energiewende ist auch eine globale Herausforderung. Zuerst muss ein nationaler, dann ein internationaler Konsens über die friedensstiftende Wirkung erneuerbare Energie geschaffen werden. Die Energiewende muss als prominentes ziel in transationalen Governance-Strukturen verankert und die technische Umsetzbarkeit einer globalen Energiewende aktiv erarbeitet werden. Ein Zeichen für die gesellschaftliche Befürwortung der Energiewende in Bürgerhand ist auch die hohe Beteiligung an den Volksentscheiden in Hamburg und Berlin zur Rekommunalisierung der Energienetze.

Quellen