Wir fahren ins Theater. Nach München. Zu „Situation Rooms“. Als diese Nachricht aus der Geschäftsführung die Runde machte, musste ich wohl von zwei Dingen ausgehen: Einmal, dass Situations Rooms im weitesten Sinne etwas mit Frieden und Friedensbildung zu tun hat. Das lässt sich auch aus dem schnell überflogenen Programmheftchen ableiten. Dort fallen Begriffe wie Waffen, Osama Bin Laden, und Flüchtlinge. Check. Der zweite Punkt verlangte etwas mehr Recherechearbeit: Kann ein Theaterstück, genauer ein „Multiplayer Video-Stück“ so gut sein, dass man dafür 13 Stunden ICE, einen versäumten Arbeitstag und die heile Münchner Welt in Kauf nimmt? Die Geschäftsführung hat das Stück bereits gesehen. Aha. Außerdem gibt es viele euphorische Kritiken im Netz. Man vertraut also. Wird schon gut sein.

 

Als wir München erreichen bleibt keine Zeit zum gemütlichen Flanieren. Situation Rooms steht und fällt mit seinen Zuschauern. Teilnehmern. Schauspielern. Was genau man dort ist, lasse ich auf mich zukommen. Es müssen immer genau 20 Leute „mitmachen“, sonst kann das Stück nicht „gestartet werden“ (auch hier hatte ich Probleme, den richtigen Begriff zu finden). Also beeilen wir uns besser, um noch knapp vor Deadline zu erscheinen. Dort angekommen, müssen wir uns zuerst von Jacken, Mänteln und sonstigen behindernden Accessoires befreien. Der Grund sei die große Hitze am Set und die Bewegungsfreiheit, die man brauchen würde, teilt man mit. Wir werden in einen großen Raum mit einem gestreckten u-förmigen Tisch geleitet, wo iPads mit Holzgriffen und Kopfhörern ausgestattet bereitliegen. Für jeden ist eins da. Alle stellen sich vor ein iPad und probieren herum. Die Stimmung liegt irgendwo zwischen einem Steve Jobs Marketing Event und dem letzten verkaufsoffenen Sonntag bei Media Markt. Ein Mitarbeiter erklärt uns wie das Stück funktioniert und wie wir zu handeln und reagieren hätten:

Sie sehen vor sich ein iPad. Nehmen sie es, setzen sie den Kopfhörer auf und folgen sie den Anweisungen der Stimme, die sie hören können. Sie werden eine Welt betreten, verschiedene Rollen einnehmen und dabei immer auf den Bildschirm des iPads sehen. Das iPad zeigt stets die subjektive Perspektive der Person, dessen Rolle sie einnehmen. Im Optimalfall ist das was sie vor sich sehen mit dem Video des iPads identisch. Gleich sehen sie eine Nummer auf ihrem iPad. Gehen sie zum Eingang mit dieser Nummer und betreten sie den vor ihnen liegenden Raum genau dann, wenn das Video auf dem iPad es tut.

Was? Wie? Egal, ich werde schon zurechtkommen. Als ich meinen Eingang finde, starre ich auf mein iPad, das genau diesen Eingang vor mir zeigt. Irgendwann startet das Video, es nähert sich der Tür und zeigt eine Hand, die nach der Klinke greift. Das ist wohl mein Signal es der Person auf dem Video gleichzutun. Als ich den Raum vor mir betrete spricht über die Kopfhörer eine Stimme zu mir, es geht um Alltag.

Nicht irgendein Alltag. Es ist ein Chirurg, der für die Organisation Ärzte ohne Grenzen nach Sierra Leone ging und dort operierte. Auch nicht irgendetwas und irgendwann. Er erzählt von seinem Einsatz während des Bürgerkriegs und über die Art der Verletzungen, die er operierte. Grausame Verletzungen. Schuss- und Sprengwunden gehörten zu den harmloseren Fällen. Nebenbei fordert mich der Arzt immer wieder auf, doch einmal die Schublade hier und die Karte dort an der Wand aufzumachen oder umzudrehen, um mir selbst ein Bild von dem zu machen, was er erzählt. Als mich das iPad/der Arzt in den Operationsraum lotst und mir erklärt, warum die verwundete Person auf der Liege zu meiner Rechten mit einer kleinen Schusswunde nur eine mittlere Priorität habe, und ich doch bitte einen gelben Punkt auf sein Handgelenk kleben soll, den ich über dem OP-Besteck finde, zögere ich kurz und klebe der Person vor mir einen kleinen gelben Punkt auf das rechte Handgelenk. Halt. Moment. Rechts auf der Liege liegt tatsächlich eine Frau und hält sich ihr Bein. Und in der linken Hand ihr iPad. Bis jetzt ging alles so schnell dass ich mich nur darauf konzentrierte, keine Anweisung zu verpassen, die der Arzt/das Video auf meinem iPad mir befahl. Ich versuchte verkrampft, dem Inhalt seiner Erzählung zu folgen und gleichzeitig keinen Schritt zu verpassen. Bis ich im Operationssaal wie eine Marionette Punkte auf fremde Handgelenke klebe und mir Gedanken über die Art der Verletzung der Person auf der Liege mache. Ich bin der Arzt. Ich stehe unter Druck. Das iPad stört dabei, ist aber notwendig, um Anweisungen zu empfangen. Die verwundete Person auf der Liege zu meiner Rechten ist ein „Player“ aus diesem Multiplayer-Stück. Wie ich noch erfahre, spielt sie einen syrischen Oppositionellen, der gerade von einer Kugel getroffen wurde und jetzt auf seine Operation wartet (ich spiele diese Rolle später selber).

SR_2

Cut. Eine andere Stimme beginnt aus ihrem Alltag zu berichten und mir per Video Richtung und Handlung vorzuschreiben. Ich gehe in ein kleines Pilotenzimmer mit Sessel, Joystick und Monitor. Die Person stellt sich vor: Ich bin ein pakistanischer Kampfpilot, der Drohnen den Befehl zur Bombardierung verdächtiger Ziele in den Bergen gibt. Die Ziele erkennt man beispielsweise durch rußigen Schnee auf den Dächern der Hütten oder durch viele Fußspuren im Schnee – denn wer geht schon im Winter mit anderen zusammen in eine verlassene Berghütte? Hat man ein Ziel ausfindig gemacht, drückt man den Knopf. Man wird angehalten, doch auch einmal den Joystick zu bewegen und nach Zielen zu suchen. Also sitzt man dort und sucht nach Mustern. So einfach kann Töten sein.

Dieses Erzählmuster wiederholt sich genau zehn Mal. Man schlüpft in zehn von insgesamt zwanzig Rollen und erkundet das Areal mit seinen Besprechungsräumen, Schießständen, Balkonen und Friedhöfen. Was diese Rollen verbindet – dazu später mehr. Interessant wird es immer dann, wenn sich die Person auf dem iPad dem Spielenden, also mir, plausibel macht. Der pakistanische Kampfpilot findet Drohnen großartig, weil das Töten damit sicher, einfach und billig ist. Er erinnert sich an früher, wo man Terroristen noch mühsam per Pedes aufspüren und erschießen musste. Der schweizerische Rüstungsmanager raunt mir zu, welchen Beitrag sein neues Verteidigungssystem zur Sicherheit von Truppe X in Krieg Y beigetragen hat, während ich auf seinem Chefsessel den in Glas eingelaserten Eurofighter in der Hand halte (war ein Werbegeschenk). Die Friedensaktivistin verfällt in einen minutenlangen Monolog über die miesen Anlagen der Deutschen Bank in der Streubombenproduktion. Und dass ihr Kampf ihr vorkommt, wie der Kampf gegen eine Hydra, der die gefährlichen Köpfe einfach nachwachsen, sobald man sie abgeschlagen hat. Der Offizier der Bundeswehr ist stolz auf den hoch entwickelten Leopard II Kampfpanzer und rechnet vor, wie viele Leben er schon gerettet hat.

Ruhrtriennale2013 Situation Rooms von RiminiProtokoll

Alles eine Frage der Perspektive also. Dieser Ansatz zieht sich während der gesamten Spielzeit durch. Dabei ist das iPad die deutlichste Begrenzung der eigenen Perspektive. Es wirkt oft wie Scheuklappen, die mich daran hindern, die anderen Mitspieler in ihren Rollen zu beobachten oder vom vorgesehenen Weg abzukommen. Es treibt mich immer weiter in der Handlung, ohne innezuhalten, ohne Zeit zum Reflektieren zu lassen. So spielt jeder seine Rolle, fixiert auf sein iPad, und nur die Interaktionen mit anderen TeilnehmerInnen machen einem bewusst, dass man nicht alleine unterwegs ist. Dabei ist das Bühnenbild eng und man steht sich nicht selten im Weg oder muss ausweichen. Weil aber alle Rollen etwas mit Waffen zu tun haben (von der Mitarbeiterin einer russischen Munitionsfabrik bis zum Kriegsreporter oder dem Cyberwar-Hacker mit Schadsoftware) stört das nicht. Man spürt die Gemeinsamkeit mit den anderen; jeder beschäftigt sich mit demselben Thema aus einer anderen Perspektive. Oft blendet das iPad auch Informationen über andere Personen in Sichtweite ein. Wenn man dann Menschen aus den verschiedensten Ländern, mit den verschiedensten Motivationen und mit unterschiedlichsten Lebensläufen sieht wird einem deutlich, wie global und wie dominant das Thema „Waffen“ ist. Welches schreckliches Ausmaß es bereits erreicht hat.

Man hetzt also herum und beschäftigt sich mit Waffen und ihren Wirkungen, welche Grausamkeiten sie anstellen können. Aber auch damit, wie sie zur Stabilisierung unseres Systems beitragen. Das macht beispielsweise der Bundeswehroffizier deutlich, als er berichtet wie der Leopard II Panzer in Afghanistan dänische und kanadische Truppen schützt (während man selber einen Miniatur-Leopard II in der Hand hält und ihn als Blickfang auf dem Verkaufstisch positionieren soll). Bei der Frage nach einer Botschaft oder einer ethischen Haltung der Inszenierung komme ich ins Grübeln. Da man sowohl Befürworter wie Gegner von Waffen spielt (die meisten nutzen jedoch Waffen), erschließt sich unmittelbar keine klare Botschaft. Ich musste nach der Aufführung erst einmal verarbeiten und über die Inhalte nachdenken. Mir blieb ein unbefriedigendes Gefühl, denn ich hatte nicht den Eindruck, einen Überblick und somit eine Grundlage für eine differenzierte Meinung über den Themenkomplex Waffen bekommen zu haben. Stattdessen erhielt ich einen Einblick in verschiedene Perspektiven zum Thema Waffen. Nach einigen Tagen und etwas gewonnenem Abstand kann ich sagen, dass es die schockierenden Momente sind, die in Erinnerung bleiben. Die harmlosen Rollen wie der Sportschütze oder der Waffenmechaniker wirken eher wie Fremdkörper in einer grausamen Welt, die die Folgen ihres Handelns nicht abschätzen können. Dieses anschließende Reflektieren ist auch notwendig, denn während der Spielzeit bleibt dazu keine Zeit. Zu sehr ist man dazu aufgefordert, den Anweisungen Folge zu leisten. Denn jede Unaufmerksamkeit droht, die eigene Struktur des Spiels zu stören und damit auch die der Mitspieler.

Wie könnte also ein geeignetes Fazit lauten? Einfach: Krass. Ich habe noch nie an einer Inszenierung teilgenommen, die mich als „Zuschauer“ so sehr gefordert hat und an der ich so viel abarbeiten kann. Es ist die Flüchtigkeit der einzelnen Rollen, auch die Leichtigkeit mit der jeder Protagonist sich selbst rechtfertigt. In durchschnittlich sieben Minuten (so lange dauert eine Rolle) bekommt man ein Weltbild präsentiert, das entweder in krassem Widerspruch zum vorherigen oder auch zum eigenen ist. Der Spannungsbogen zwischen einfachsten Rechtfertigungsmustern und den gravierendsten Auswirkungen ist das, was zum Nachdenken anregt. Es macht klar: Krieg oder Gewalt ist nicht die zwingende und logische Folge von Strukturen oder Konstellationen, sondern oft die Konsequenz aus (vermeidbarer) unreflektierter Einstellung einzelner Entscheidungsträger zum Thema wir und andere oder gut und böse oder die völlige Abwesenheit einer ethischen Grundhaltung. Das Stück macht auch klar: Wer Krieg führt kann nur so denken! Und das ist der friedenspädagogische Mehrwert.

Der Aufwand, 13 Stunden Zug zu fahren und einen Arbeitstag ausfallen zu lassen, hat sich gelohnt. Der Heimweg führt vorbei am feucht-fröhlichen Treiben im Münchner Hofbräuhaus. Ich stellte mir die Frage, ob ich jetzt einfach umswitchen und dort mitfeiern könnte, nachdem ich Bilder von verstümmelten Gliedmaßen, abgehackten Gesichtsteilen und die jeweilige Hintergrundgeschichte dazu nachgespielt habe. Nach einem Kriegsfilm oder einer Dokumentation wäre das sicher kein Problem, denke ich. In dieser Inszenierung war ich aber selbst Teil des Gesehenens, was das Erleben und die anschließende Auseinandersetzung um ein vielfaches verstärkt und vertieft. Ich habe das Bedürfnis zu reflektieren. So gehe ich vorbei am Hofbräuhaus geradewegs in die U-Bahn. Gerade wirkt die heile Münchener Welt noch unerträglicher.

Danke Rimini Protokoll für dieses großartige und sinnvolle Multiplayer Video-Stück!